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9. Bedeutung der Kommunikationswissenschaften für das Coaching. (Fortsetzung und Ende des Handbuch-Artikels)

Dezember 8, 2009

9. Bedeutung der Kommunikationswissenschaften für das Coaching.

Kommunikationswissenschaft ist zweifach für das Coaching relevant. Zum einen ist die Arbeit, die Coach und Coachee miteinander leisten, im Wesentlichen Kommunikationsarbeit. D.h. ohne genaue Kenntnisse gerade der anthropologischen Kommunikationswissenschaft kann kein kompetenter Einblick in das eigene Handeln und die eigenen Möglichkeiten als Coach erfolgen. Auch der Einsatz von Medien und Projektionsflächen wie zum Beispiel der freien kreativen Arbeit ist ein elementarer kommunikativer Zeichenprozess, dessen volles Potenzial sich erst in der kommunikationswissenschaftlichen Reflexion erschließt. Hier kann die Kommunikationswissenschaft sicher mit einem breiten Strauß an Ergebnissen z.B. zu Lehrer-Schüler-, Arzt-Patienten- oder Therapie-Gesprächen aufwarten. Zum zweiten sind die allermeisten Herausforderungen, denen sich der Coachee ausgesetzt sieht, kommunikativer Natur. Ob Mobbing, eigene Ziel- und Wunschvorstellungen, Unternehmenskultur oder Stressoren, viele dieser Faktoren entstehen in Kommunikationssituationen oder sind in großen Teilen Ergebnisse einer individuellen Interpretation. Damit der Coach dem Coachee Reflexionsangebote machen kann, wie dieser Interpretationsmuster ändern oder Interventionsmöglichkeiten entwickeln kann, muss er/sie über die elementaren Prozesse der Kommunikation und ihre Nahtstellen zu sozialen Gruppen und unternehmerischen Rahmenbedingungen Bescheid wissen. Dieses Wissen kann die Kommunikationswissenschaft dem einzelnen Coach direkt bereitstellen. Oder dieses Wissen kann in die Coaching-Aus- und Fortbildung einfließen und das Coaching generell kritisch konstruktiv begleiten.

10. Drei Basisliteraturangaben.

1) Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien; Bern 2007: Huber; 11., unveränderte Auflage 2) Peter L. Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie; Frankfurt a. Main 1980: Fischer; 22. Auflage 3) Hans Hörmann: Meinen und Verstehen. Grundzüge einer psychologischen Semantik; Frankfurt a. Main 1994: Suhrkamp; 4. Auflage

Hierbei handelt es sich um drei aktuell erhältliche Bücher, die wesentliche Aspekte von Kommunikationswissenschaft ganzheitlich – mit einem Schwer- oder Ausgangspunkt in der anthropologischen Kommunikationswissenschaft – beschreiben, ohne dabei in wissenschaftliche Detaildiskussionen zu verfallen, und die dabei auch für Nicht-Kommunikationswissenschaftler gut und spannend zu lesen sind.

8. Typische Kritik an der Wissenschaftsdisziplin. (Fortsetzung Handbuch-Artikel)

Oktober 4, 2009

Die stärkste Kritik richtet sich gegen die vermeintliche Trivialität der Kommunikationswissenschaft, da sie Phänomene und Tätigkeiten problematisiert, die wir alle tagtäglich kompetent und ohne Schwierigkeiten auszuführen scheinen. Entsprechend werden dann auch Modelle zur Lösung erkannter Probleme oft als anwendungsfern und zu komplex bezeichnet, wenn sie nicht die Einfachheit alltagsweltlicher Kommunikationstheorien haben. Dies erklärt auch die Hartnäckigkeit der irreführenden Sender-Empfänger-Metapher. Zweiter zentraler Kritikpunkt ist die Flüchtigkeit des Gegenstands Kommunikation, der so eigentlich nicht dokumentierbar und reproduzierbar ist. Damit sind Erkenntnisse zu einzelnen Kommunikationsvorfällen zu kleinteilig und für Anwender aus Unternehmen, Medienorganisationen, Bildung oder Politik erstmal irrelevant. Das mündet in der Forderung, das Hauptaugenmerk nicht auf den einzelnen Prozess, sondern auf stabile und übergeordnete Strukturen und Systeme zu lenken, bis hin zu der These, dass Kommunikation gar kein eigenständiger Erkenntnisgegenstand ist, da sich ihre Funktion und ihre Bedeutung nur aus den übergeordneten sozialen, technischen Handlungs- oder Sinnzusammenhängen ergeben. Ein letzter wichtiger Kritikpunkt zielt auf die beschriebene Heterogenität der Kommunikationswissenschaften, wie sie hier beschrieben wurde, die dazu führt, dass es keinen übergreifenden Konsens zu zentralen Begriffen und Methoden gibt, der dann anderen Fächern und Disziplinen als Anschluss angeboten werden kann. Dies macht dann Kommunikationswissenschaft auch zum leichten Opfer benachbarter größerer Fächer wie Soziologie, Ökonomie, Germanistik oder der neuen Sammelbewegung der Kulturwissenschaften.

Kommunikation und Kommunikationswissenschaft (Entwurf zu einem Handbuchartikel)

April 16, 2009

1. Anfänge Ursprünge Quellen der Wissenschaftsdisziplin!

Das Nachdenken über Kommunikation ist vielleicht so alt, wie das Nachdenken über den Menschen an sich. Die Frage, wie erschließe ich mir und anderen die Welt, beschäftigt Philosophen seit der Antike aber auch in nicht-westlichen Kulturkreisen sind diese Themen von Anbeginn an zentral für religiöse und weltliche Erkenntnis. Das Höhlengleichnis (die Welt teilt sich uns nur als Schatten ihrer selbst mit) und die Rhetorik (kann ich die Worte so formen, dass sie beim Zuhörer die von mir gewünschte Wirkung erzielen, oder gibt es darüber hinaus universale logische oder ethische Kriterien?) sind zeitlose Anker, wenn ich mich der Kommunikation kritisch, nähern will. Viele Denker der Geschichte von Augustinus über Leibniz und Locke bis zu Hegel und Nietzsche haben sich mit Kommunikation beschäftigt, auch wenn sie dabei andere Begriffe wie Argumentieren, Sprechen, Erkennen, Ideen oder Verstehen benutzt haben. Aber es wäre vermessen, all diese Denker mit dem Label Kommunikationswissenschaftler versehen zu wollen. Es ist ja eine Tücke des heute allgegenwärtigen Begriffs Kommunikation, das er viel, alles oder gar nichts bedeuten kann. Weist ‚Kommunikation’ doch alle Eigenschaften der Wortklasse auf, die Uwe Pörkensen so treffend Plastikwörter genannt hat.

Den Anfang einer Kommunikationswissenschaft im eigentlichen Sinne würde ich auf den Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert datieren, wo verschiedene wissenschaftliche Strömungen begannen, das, was wie heute Kommunikation nennen, als Erkenntnisgegenstand herauszulösen und uns so erst in die Lage brachten, uns damit aus einander zu setzen, wie Kommunikation funktioniert und was sie bewirkt. Da sind die deutschen Sprachkritiker wie Philip Wegener (1848 – 1916) oder Fritz Mauthner (1849 – 1923) zu nennen, ebenso wie der Stammvater des strukturalistischen Denkens und Begründer der modernen Sprachwissenschaft Ferdinand de Saussure (1857 – 1913). Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) steht für den communicational turn in der Philosophie, ist aber auch nur Ausdruck einer Zeit, die begonnen hat die Grenzen des Sprachspiels auszuloten und die Wirkungen von Kommunikation von der Naturwissenschaft über die Gesellschaft bis zum (unbewussten) Befinden eines jeden Einzelnen zu ergründen.

Einen letzten großen Schub hat die Kommunikationswissenschaft mit einem einfach ingenieurs-wissenschaftlichen Werk der „Mathematical Theory of Communication“ von Claude Shannon und Warren Weaver bekommen. In den Zeitgeist der wachsenden Technisierung und Computerisierung der Nachkriegszeit der 50ziger Jahre des letzten Jahrhunderts platzierten sie die Metapher von Kommunikation als Sender-Empfänger-Regelkreis, die Kommunikation ebenso in die schulischen und universitären Lehrpläne getrieben hat wie in das Vokabular von Politikern und Managern. Interessanter Weise haben sich sogar die gesellschaftskritischen und sozialen Bewegungen der 60er, 70er und 80er Jahre dieses zumindest menschenfreien, wenn nicht sogar menschenverachtenden Kommunikations-Modells bedient. So dass Kommunikation heute ein generischer Begriff für all zu viele menschliche, mediale, symbolische und technische Phänomene ist.

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