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Typische Fragestellungen und Axiome der Kommunikationswissenschaft (Handbuchartikel 3. + 4. Teil)

Mai 3, 2009

3. Typische Fragestellungen in der Wissenschaftsdisziplin!

Wenn man den Interessens-Kern der Kommunikationswissenschaft – die es ja, wie wir in 2. gesehen haben, so klar umrissen gar nicht gibt – in der Beschreibung des Entstehens von individuellen Welt-Verstehens-Systemen und der Gestaltung dieser Systeme im Austausch mit sozialen Gruppen und deren (anderen) Individuen sieht, ergeben sich folgende typische Fragestellungen:

1) Wie entstehen im einzelnen Kommunikations-Akt, z.B. dem Gespräch, und im Lebenslauf eines Individuums Wissen, Einstellungen und Verhaltensmuster?
2) Wie lassen sich Wissen, Einstellungen und Verhaltensmuster durch Kommunikations-Akte und Kommunikations-Systeme technischer und sozialer Art beeinflussen?
3) Welche Einflüsse haben bestimmte soziale Formen und Technologien (auch Medien genannt) auf den Verlauf und die Ergebnisse von Kommunikation?
4) In welchem Wechselverhältnis stehen subjektives Kommunikationsverhalten und Kommunikationsinhalte mit intersubjektiven, sozialen Prozessen, Strukturen und Inhalten?

Letztlich folgt daraus:

5) Welche Aussagen können aus Sicht eines jeden Einzelnen und aus Sicht einer sozialen Gemeinschaft über die Verlässlichkeit, Steuerbarkeit und Stabilität von Kommunikation gemacht werden?
6) Und kann Kommunikation im Sinne subjektiver Werte und Bedürfnisse sowie sozialer Werte und Bedürfnisse entwickelt und gestaltet werden?
Dabei können physiologische, ethische, funktionale, ästhetische, ökonomische und viele andere Maßstäbe herangezogen werden.

4. Typische Axiome bzw. Theoreme in dieser Wissenschaftsdisziplin!

Die folgenden Theoreme stellen die Essenz von Kommunikation dar. Dort wo es einer Erläuterung zwingend bedarf, habe ich sie gemacht. Ich habe aber bei allem Risiko (siehe den fünften Punkt) versucht weitgehend darauf zu verzichten.

• Du kannst nicht nicht-kommunizieren. Das populärste aller Kommunikations-Axiome. Allerdings falsch, wenn man unter Kommunikation einen wechselseitig absichtvollen Prozess versteht. Richtig ist vielmehr, man kann sich nicht dagegen wehren, von anderen (auch falsch) interpretiert zu werden, selbst wenn man nichts ausdrücken wollte.
• Kommunikation ist ein Prozess.
• Kommunikation ist intentional. Alles was nicht-intentional ist, ist etwas anderes.
• An Kommunikation sind (mindestens) zwei Individuen beteiligt. Allerdings wird über den Punkt, ob die Individuen Menschen sein müssen, viel gestritten. Und die Beteiligung kann durchaus indirekt (über Entfernungen und Zeiten) sein.
• Kommunikation kann scheitern – bemerkt und unbemerkt
• Kommunikation ist Arbeit. Wesentliche Teile der Arbeit werden nicht für die inhaltlichen Elemente, sondern für die Aufrechterhaltung und die Gestaltung der Rahmenbedingungen (z.B. physische Wahrnehmbarkeit, subjektive Sympathie, soziale Hierarchie) aufgewendet – und müssen dies auch
• Die Subjektivität jedes Einzelnen ist unhintergehbar.
• Kommunikation objektiviert sich (nur) außerhalb der Kommunikatoren.
• Kommunikation ist kein (reiner) Wahrnehmungs- sondern ein Gestaltungsprozess.
• Kommunikation kein Austauschprozess. Sie wird zwar von wechselseitiger Interaktion begleitet, dabei wird aber nichts übergeben, z.B. Information. Vielmehr handelt es sich dabei um einen gemeinschaftlichen Gestaltungsprozess. Gestaltet werden zwei Welttheorien und ein intersubjektives Medium.
• Alles ist Zeichen. Nicht alles ist nur Zeichen. Alles Belebte und Unbelebte kann durch Interpretation eine Bedeutung erlangen. Nur als Zeichen können wir uns Bedeutungen z.B. innerhalb von Kommunikation aneignen. Es gibt z.B. physische Qualitäten, die über eine zeichenhafte Bedeutung hinausgehen, selbst wenn sie uns wiederum nur als Zeichen vermittelt werden. Z.B. das Gewicht eines Steins, gegen den ich mit meinem Fuß stoße.
• Medien sind nicht neutral, in Bezug auf Kommunikationsverlauf, -inhalt und –ergebnis.

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